Die Besucher der vierten Runde des Sparkassen Chess-Meetings kamen voll auf ihre Kosten. Sie erlebten hochklassiges Schach mit vier spannenden und ausgekämpften Partien. Nach einem dramatischen Kampf und sage und schreibe 7,5 Stunden teilten sich Matthias Blübaum und Dmitry Andreikin den Punkt. Dem Sieg nahe war Radoslaw Wojtaszek gegen Wladimir Fedoseev, musste aber nach 102 Zügen ins Remis einwilligen. Liviu-Dieter Nisipeanu und Wladimir Kramnik trennten sich nach einem sehenswerten Schlagabtausch unentschieden genau wie Maxime Vachier-Lagrave und Wang Yue, nachdem der französische Großmeister nichts gegen die Russische Verteidigung des Chinesen ausrichten konnte.

Dmitry Andreikin und Matthias Blübaum spielten die bislang längste Partie des Turniers

Maxime Vachier-Lagrave und Wang Yue trennten sich nach ausgeglichenem Verlauf remis. Wenig überraschend wählte Wang Yue seine geliebte Russische Verteidigung, mit der er und viele andere chinesische Großmeister die Weltspitze regelmäßig abblocken. "MVL" erwartete die seltene Entwicklung des weißfeldrigen Läufers nach f5 und testete eine neue Idee.

Allerdings zeigte sich Wang Yue bestens präpariert und glich dank einem feinen Springermanöver im zwölften Zug aus. "Das gehörte alles zu meiner Vorbereitung", gab Wang Yue anschließend zu Protokoll und wähnte sich nach dem Damentausch im Endspiel sogar etwas im Vorteil, weil er den weißen Bauern auf e5 als Angriffsmarke auserkoren hatte.

Vachier-Lagrave war anderer Meinung: "Ich weiß gar nicht, wer im Endspiel überhaupt etwas versucht, aber letztendlich ist es ausgeglichen." In der Tat verlief der Rest der Partie bis zum Remis im 46. Zug ohne Höhepunkte und so war die Punkteteilung folgerichtig.

Einen tollen Kampf lieferten sich Liviu-Dieter Nisipeanu und Wladimir Kramnik. Der russische Großmeister wählte gegen den Doppelschritt des d-Bauern die Nimzowitsch-Indische Verteidigung. Auf die Frage, welche Variante er genau von Weiß erwartet hatte, antwortete er: "Gar keine, ich erwartete einfach eine offene Partie. Nisipeanu eröffnet mit so vielen Zügen, dass man nicht alles vorbereiten kann." Es entwickelte sich ein Kampf auf Biegen und Brechen mit vielen taktischen Nuancen, der beiden Spielern alles abverlangte.

Beide Könige waren im Mittelspiel geschwächt und Weiß schien hier und da einige vielversprechende Fortsetzungen zu besitzen. Die deutsche Nr. 1 sah sich sogar auf der Siegerstraße: "Ich habe meine Stellung völlig überschätzt bzw. sein Gegenspiel unterschätzt." Kramnik opferte im 24. Zug die Qualität in der Hoffnung den weißen König matt zu setzen. Nisipeanu fand die richtige Verteidigung und leitete mit zwei Türmen gegen die schwarze Dame in ein Endspiel über, in dem er mit Dauerschach die Partie beendete.

Radoslaw Wojtaszek verpasste gegen Wladimir Fedoseev eine große Siegchance. In einer Slawischen Partie opferte der russische Großmeister früh einen Bauern am Damenflügel in der Hoffnung auf Initiative. Wojtaszek agierte aber sehr präzise und konservierte mit den weißen Steinen den Mehrbauern und einen kleinen Vorteil. Nach dem Damentausch agierte Fedoseev zu aggressiv, wonach die polnische Nummer Eins den Vorteil dank eines starken Freibauern auf der e-Linie vergrößerte.

Die kritische Stellung entstand kurz nach der Zeitkontrolle. Wojtaszek verpasste eine starke Fortsetzung, wonach seinem Gegner aus St. Petersburg ein Turmopfer und eine wundersame Rettung entging. Anstatt nun den e-Bauern mit Gewinnstellung weiter vorzuschieben, entschied sich Wojtaszek zuerst die Königsstellung zu verbessern. Dieser Tempoverlust rächte sich und Fedoseev rettete sich in ein Endspiel mit Turm gegen Turm und Springer.

Diese Konstellation ist theoretisch remis und auch praktisch so gut wie nicht zu gewinnen. "Radek" probierte noch 40 Züge lang seinen Materialvorteil zum Gewinn zu führen, doch Fedoseev leistete sich keinen Fehler. "Ich bin etwas genervt, da ich eine gute Siegchance ausgelassen habe. Vielleicht besaß ich diese Chance nur einen Moment lang, doch das reicht im Prinzip aus", äußerte sich Wojtaszek kurz nach dem Kampf.

Matthias Blübaum und Dmitry Andreikin trennten sich in der bislang dramatischten Partie des 45. Sparkassen Chess-Meetings unentschieden. Der russische Großmeister kam mit Schwarz besser aus der Eröffnung, verspielte aber sukzessive seinen Vorteil. Nach dem Damentausch im 32. Zug entglitt ihm die Partie völlig. Anstatt das Remis zu forcieren, opferte er wichtige Bauern am Damenflügel. "Ich wollte nicht remis spielen", rechtfertigte Andreikin seine riskante Vorgehensweise.

Stattdessen erlaubte er Blübaum einen sehr gefährlichen Freibauern auf der b-Linie und pochte auf seine Chancen gegen den eingeklemmten weißen König. Nach einer Unachtsamkeit seines Gegners besaß Blübaum im 49. Zug die Möglichkeit sich eine neue Dame zu holen und dank eines feinen Zuges jegliche Drohungen gegen seinen König abzuwehren. Genau wie Andreikin übersah er diese Möglichkeit und die Dramatik erreichte neue Höhen. Der russische Großmeister musste einen Turm opfern, erhielt aber im Gegenzug zwei verbundene Freibauern am Rand. "Am Anfang dachte ich, dass sei für mich simpel gewonnen", meinte Blübaum im Anschluss, doch technisch war der Gewinn nicht einfach zu realisieren.

Blübaum stand kurz vor seinem zweiten Sieg beim 45. Sparkassen Chess-Meeting

Der 20-jährige Großmeister aus Lemgo eroberte einen der zwei Bauern, verpasste es aber sich mit seinem König entscheidend dem verbliebenen Bauern anzunähern. Letztendlich schaffte es Andreikin dank seines weit vorgerückten g-Bauern und eines Patttricks das Remis zu retten. Was für ein Kampf!

Kreuztabelle nach vier Runden

 

Nach einem Ruhetag, an dem die Großmeister für eine Autogrammstunde zur Verfügung stehen werden, geht es beim Sparkassen Chess-Meeting mit der 5. Runde weiter am Freitag den 21. Juli ab 15 Uhr.

Die Paarungen lauten wie folgt:

Wang Yue - Matthias Blübaum
Wladimir Kramnik - Maxime Vachier-Lagrave
Wladimir Fedoseev - Liviu-Dieter Nisipeanu
Dmitry Andreikin - Radoslaw Wojtaszek


Das 45. Sparkassen Chess-Meeting findet vom 15. bis 23. Juli im Orchesterzentrum in Dortmund statt. Es ist Wladimir Kramnik gewidmet, der vor 25 Jahren das erste Mal an den Start ging und sich bereits zehn Mal in die Siegerliste eintragen konnte. Die Runden beginnen täglich um 15 Uhr außer die letzte Runde, die schon um 13 Uhr startet. Den Spielplan finden sie unter diesem Link. Vor Ort kommentieren die Großmeister Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht (Foto unten) die Partien für die Zuschauer.

Text und Fotos: Georgios Souleidis