In der fünften Runde des Sparkassen Chess-Meetings sahen die Zuschauer wieder spannende Partien, die alle spät im Endspiel eine Entscheidung fanden. Den einzigen Sieg verbuchte Wang Yue dank eines starken Freibauern gegen Matthias Blübaum. Wladimir Fedoseev verpasste nach einer aufregenden Partie gegen Liviu-Dieter Nisipeanu den vollen Zähler. Maxime Vachier-Lagrave besaß leichte Stellungsvorteile, teilte sich aber den Punkt gegen Wladimir Kramnik. Die Führung im Klassement übernahm Radoslaw Wojtaszek nach dem Unentschieden gegen Dmitry Andreikin. Zwei Runden vor Schluss ist das Rennen um den Turniersieg indes völlig offen.

Wang Yue war der einzige Sieger des Tages

Wladimir Kramnik dürfte sich im Rennen um den Turniersieg verabschiedet haben. Der russische Großmeister, dem die 45. Auflage des Sparkassen Chess-Meetings gewidmet ist, kam gegen Maxime Vachier-Lagrave nicht über ein Remis hinaus und liegt mit 2,0 Punkten am Tabellenende. Kramnik wählte mit Weiß eine seltene Zugfolge und schon nach dem siebten Zug betraten die Spieler theoretisches Neuland. Er versuchte am Damenflügel etwas Initiative aufzubauen, sperrte aber seinen schwarzfeldrigen Läufer auf f4 ein, "Es ist seltsam, aber ich dachte, dass ich nach der Eröffnung etwas Vorteil habe", äußerte sich Kramnik nach der Partie.

Wladimir Kramnik ist beim 45. Sparkassen Chess-Meeting noch ohne Sieg

Vachier-Lagrave wies in der Folge nach, dass er die Stellung des Läufers auf f4 taktisch ausnutzen kann. Er eroberte diese Leichtfigur, gab im Gegenzug aber drei Bauern ab. Der 26-jährige Franzose transfomierte die Stellung seinerseits, indem er die Qualität gab und den weißen König entblößte. "Ich glaubte danach etwas besser zu stehen, aber letztendlich habe ich keine klare Chance zum Sieg verpasst", fasst "MVL" das Geschehen zusammen. Kramnik musste sich zum Schluss mit zwei Türmen gegen Turm, Springer und zwei Bauern präzise verteidigen, hatte aber keine Mühe das Remis zu sichern.

Radoslaw Wojtaszek übernahm nach dem Remis gegen Dmitry Andreikin die Führung im Turnier. Die polnische Nr. 1 kam mit Schwarz sehr gut aus der Eröffnung, nachdem Andreikin mit einem Damenbauernspiel überhaupt keinen Vorteil erzielen konnte. Wojtaszek verbrauchte im Mittelspiel aber zu viel Zeit, wodurch sich das Blatt wendete. "Es ist immer problematisch langsam und schlecht zu spielen", kritisierte Wojtaszek sein Spiel im Anschluss.

Andreikin besaß im Endspiel einen gefährlichen Freibauern auf der a-Linie, den er im 35. Zug entscheidend in Bewegung hätte setzen können. Stattdessen gab er diesen Bauern ab und gewann einen eher unwichtigen auf der anderen Seite des Brettes. Der kleine Vorteil reichte nicht zum Sieg aus, da das Material stark reduziert war.

Wladimir Fedoseev verpasste seinen zweiten Sieg im Turnier. Der russische Großmeister wählte gegen die solide Caro-Kann-Verteidigung Nisipeanus auf gewohnte Weise eine seltene Nebenvariante und besaß nach der Eröffnung einen Mehrbauern und Vorteil. Die deutsche Nr. 1 versuchte die bessere Entwicklung zu nutzen, doch Fedoseev fand ein schönes Qualitätsopfer, das ihm Angriff gegen den schwarzen König und eine Gewinnstellung bescherte. Im 32. Zug verpasste der 22-jährige St. Petersburger die vorzeitige Entscheidung, doch im Endspiel besaß er gleich drei gefährliche Bauern gegen einen gegnerischen Läufer.

Die Situation war allerdings so kompliziert, dass die Akteure beileibe nicht immer die besten Züge finden konnten. Fedoseev boten sich noch mehrmals Chancen zum Sieg, doch letztendlich musste er nach Abtausch aller Figuren ins Remis einwilligen. "Wir haben beide gefühlt, dass es für Weiß gewonnen sein muss, aber es war zum Glück nicht so leicht", zeigte sich Nisipeanu erleichtert.

Wang Yue holte Matthias Blübaum vorerst auf den Boden der Tatsachen zurück. Gegen die Ragozin-Variante des Damengambits wählte er eine seltene Variante, ohne aber einen Vorteil nachzuweisen. Kurz vor dem Damentausch verpasste Blübaum einen starken Randbauernzug und musste fortan mit einer schlechteren Leichtfigur im Endspiel leben. Wang Yue schaffte es zudem einen starken Freibauern auf der b-Linie zu bilden. Dank seiner überragenden Technik war der Rest der Partie nur noch ein Schaulaufen. Er brachte seinen König zum Damenflügel und unterstützte seinen Freibauern, wonach es für Blübaum keine Rettung mehr gab.

Kreuztabelle nach der 5. Runde

Beim Sparkassen Chess-Meeting geht es mit der 6. Runde weiter am Samstag den 22. Juli ab 15 Uhr.

Die Paarungen lauten wie folgt:

Matthias Blübaum - Radoslaw Wojtaszek
Liviu-Dieter Nisipeanu - Dmitry Andreikin
Maxime Vachier-Lagrave - Wladimir Fedoseev
Wang Yue - Wladimir Kramnik


Das 45. Sparkassen Chess-Meeting findet vom 15. bis 23. Juli im Orchesterzentrum in Dortmund statt. Es ist Wladimir Kramnik gewidmet, der vor 25 Jahren das erste Mal an den Start ging und sich bereits zehn Mal in die Siegerliste eintragen konnte. Die Runden beginnen täglich um 15 Uhr außer die letzte Runde, die schon um 13 Uhr startet. Den Spielplan finden sie unter diesem Link. Vor Ort kommentieren die Großmeister Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht (Foto unten) die Partien für die Zuschauer.

Text und Fotos: Georgios Souleidis