Es sollte einfach nicht sein. Trotz zahlreicher Chancen gab es wie in den Runden drei und vier auch in in der sechsten Runde des Sparkassen Chess-Meetings keinen Sieger. Radoslaw Wojtaszek vergab eine Gewinnstellung gegen Matthias Blübaum und Maxime Vachier-Lagrave konnte gegen Wladimir Fedoseev seinen Mehrbauern nicht verwerten. Wladimir Kramnik suchte gegen Wang Yue seine letze Chance, um auf der Zielgeraden ganz nach vorne zu stoßen, doch die Remisbreite wurde nie überschritten. Ähnliches gielt für die Partie zwischen Liviu-Dieter Nisipeanu und Dmitry Andreikin.

Radoslaw Wojtaszek vergab in der sechsten Runde die größte Siegchance

Beim Sparkassen Chess-Meeting aber auch generell im Spitzenschach ist eine Tendenz zu erkennen, den Gegner so früh wie möglich in der Eröffnung zu überraschen. Das probierte auch Dmitry Andreikin gegen Liviu-Dieter Nisipeanu, als er mit Schwarz die auf diesem Niveau höchst selten gespielte Moderne Verteidigung wählte. "Gestern habe ich eine große Chance verpasst, deswegen habe ich heute alles versucht", begründete der russische Großmeister seine Eröffnungswahl.

Die deutsche Nr. 1 roch den Braten und konterte gemäß "Marke Eigenbau", d.h. er ging mit einer ruhigen Variante kein Risiko ein. Schon nach 17 Zügen standen nur noch jeweils zwei Türme und ein Springer auf dem Brett. Nisipeanu eroberte in der Folge einen Bauern, doch Andreikin besaß genug Gegenspiel, um sich das Remis durch Zugwiederholung zu sichern. Wir versuchten beide zu gewinnen und ich stand etwas besser im Endspiel, doch es war nicht genug", meinte Nisipeanu nach der Partie.

Maxime Vachier-Lagrave zeigte gegen die Caro-Kann-Verteidigung von Wladimir Fedoseev eine vorbereitete Neuerung und besaß im Mittelspiel trotz einer auf h3 seltsam postierten Dame etwas Initiative. Nach einem voreiligen Zentrumsvorstoß des russischen Großmeisters gewann "MVL" einen Bauern und hatte gute Gewinnchancen im Endspiel. Hier schaffte es Fedoseev einen nach dem anderen Bauern zu tauschen mit dem Ziel den Remishafen anzusteuern. Trotzdem hätte Vachier-Lagrave mit der präzisesten Zugfolge am Ende noch seinen Mehrbauern konservieren und auf Gewinn spielen können. Stattdessen spielte er etwas zu schnell und gab sich mit der Punkteteilung zufrieden. "Ich denke, dass ich am Ende eh nicht gewinnen kann", meinte Vachier-Lagrave im Anschluss.

Wang Yue und Wladimir Kramnik diskutierten eine Variante des Damengambits, die nach dem Tausch der Damen im 16. Zug in ein ausgeglichenes Endspiel mündete. Der chinesische Großmeister besaß die bessere Bauernstruktur, Kramnik schaffte es aber gefährliches Gegenspiel am Königsflügel aufzubauen. Er opferte sogar einen Bauern und setzte alles auf eine Karte. "Ich habe alles versucht, um mit Schwarz auf Gewinn zu spielen. Ich bin über den Ausgang aber nicht enttäuscht, da ich nichts verpasst habe", resümierte der 10-malige Sieger von Dortmund das Geschehen.

Wang Yue seinerseits interpretierte die Stellung vielleicht etwas zu statisch, um seinen Mehrbauern zu verwerten. Bei der Zugwiederholung beginnend mit dem 36. Zug war die Stellung völlig ausgeglichen. "Ich wollte kämpfen, aber mein König stand so schlecht", gab der Chinese im Anschluss an.

Radoslaw Wojtaszek vergab gegen Matthias Blübaum eine große Siegchance und damit gleichzeitig einen Riesenschritt Richtung Turniersieg zu unternehmen. Der polnische Großmeister zeigte sich in einer Katalanischen Partie mit Schwarz hervorragend vorbereitet. In einer Hauptvariante mit frühem Damentausch hatte er die entstehende Stellung inklusive einer Neuerung zu Hause sehr weit analysiert und erreichte fast zwangsläufig ein gewinnträchtiges Endspiel.

Beide Seiten besaßen einen Turm, doch Wojtaszek hatte mit einem starken Springer gegenüber dem weißen Läufer die bessere Leichtfigur. Dann begann Wojtaszek seinen "Monsterkönig" über das halbe Brett zu ziehen und aktiv am Geschehen teilhaben zu lassen. Anstatt einen Bauern auf c4 zu verspeisen, wollte es "Radek" zu schön machen. Er schob seinen Randbauern auf der a-Linie vor in der Annahme, dass dieser einfach zur Dame laufen würde. Er übersah aber, dass Blübaum seinen Läufer opfern und seinen Turm aktivieren kann. "Ich war so froh, als mein Gegner den a-Bauern vorschob. Das war meine Rettung", frohlockte der deutsche Großmeister in der Analyse.

Die Partie dauerte zwar noch fast 20 Züge, doch Weiß hatte zwei starke Bauern, die den schwarzen Springer kompensierten. "Das ist irgendwie die Geschichte des Turniers. Es gibt viele Gewinnchancen, aber alles wird remis" ärgerte sich Wojtaszek.

Kreuztabelle nach der 6. Runde

Die siebte und gleichzeitig letzte Runde des Sparkassen Chess-Meetings beginnt am Sonntag den 23. Juli um 13 Uhr.

Die Paarungen lauten wie folgt:

Wladimir Kramnik - Matthias Blübaum
Wladimir Fedoseev - Wang Yue
Dmitry Andreikin - Maxime Vachier-Lagrave
Radoslaw Wojtaszek - Liviu-Dieter Nisipeanu

Die besten Chancen auf den Turniersieg besitzt Radoslaw Wojtaszek. Der polnische Großmeister führt mit einem halben Punkt Vorsprung und tritt zudem mit Weiß gegen Liviu-Dieter Nisipeanu an. Wladimir Kramnik ist der einzige Spieler, der im Rennen um den Turniersieg keine Chance mehr hat. Er wird aber alles daran setzen, das 45. Sparkasssen Chess-Meeting mit einem Sieg gegen Matthias Blübaum zu beenden.


Das 45. Sparkassen Chess-Meeting findet vom 15. bis 23. Juli im Orchesterzentrum in Dortmund statt. Es ist Wladimir Kramnik gewidmet, der vor 25 Jahren das erste Mal an den Start ging und sich bereits zehn Mal in die Siegerliste eintragen konnte. Die Runden beginnen täglich um 15 Uhr außer die letzte Runde, die schon um 13 Uhr startet. Den Spielplan finden sie unter diesem Link. Vor Ort kommentieren die Großmeister Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht (Foto unten) die Partien für die Zuschauer.

Text und Fotos: Georgios Souleidis