Am letzten Tag des Sparkassen Chess-Meeting kamen die Zuschauer voll auf ihre Kosten. Alle Akteure auf der Bühne des Orchesterzentrums NRW gingen volles Risiko, um die bestmögliche Platzierung zu erzielen. Das führte zu vier entschiedenen Partien. Wladimir Fedoseev setzte sich souverän gegen Wang Yue durch und setzte damit Radoslaw Wojtaszek unter Druck. Der polnische Großmeister ließ sich aber nicht beirren. Er gewann gegen Liviu-Dieter Nisipeanu und damit gleichzeitig die 45. Auflage des Sparkassen Chess-Meetings. Auf den dritten Platz landete Maxime Vachier-Lagrave. Der Vorjahressieger beendete das Turnier mit einem Sieg gegen Dmitry Andreikin. Ein versöhnliches Ende feierte Wladimir Kramnik mit einem Sieg gegen Matthias Blübaum. Damit hievte sich der Rekordsieger von Dortmund auf Platz vier der Tabelle.

Radoslaw Wojtaszek gewinnt das Sparkassen Chess-Meeting 2017

Ein erstaunlich glatter Sieg gelang Wladimir Fedoseev gegen Wang Yue. Der 22-jährige Großmeister aus St. Petersburg ließ sich nicht auf die Russische Verteidigung ein, mit der der Chinese wie ein Bollwerk seinen Mann steht, sondern wählte das Läuferspiel. Über Zugumstellung kam die Italienische Partie aufs Brett und Wang Yue wählte mit der sehr frühen Entwicklung des weißfeldrigen Läufers nach e6 eine zweifelhafte Aktion. "Ich habe den Zug einfach so gespielt, ohne groß darüber nachzudenken", zuckte Wang Yue im Anschluss mit den Schultern.

Fedoseev nahm den Läufer raus, besaß die bessere Bauernstruktur und entfaltete eine starke Initiative am Damenflügel. Hier stand ein schwarzer Springer völlig deplatziert auf a5 und erschwerte das Spiel des Chinesen. Wang entschloss sich im 19. Zug einen Bauern zu opfern, doch dadurch kam er vom Regen in die Traufe. Fedoseev ließ in der Folge nichts anbrennen und Wang Yue gab kurz vor der Zeitkontrolle in hoffnungsloser Stellung auf. "Mein Gegner spielte heute sehr schlecht", meinte der russische Großmeister und auf die Frage nach seinem Abschneiden im Turnier, antwortete er äußerst selbstbewusst: "Ich bin nicht zufrieden, denn ein zweiter Platz ist nie gut."

Wladimir Kramnik feierte einen versöhnlichen Abschluss beim 45. Sparkassen Chess-Meeting. Der 14. Weltmeister der Schachgeschichte zeigte sich gegen Matthias Blübaum bestens präpariert. Er wählte die Reti-Eröffnung und befand sich bis zum 17. Zug in seiner Vorbereitung, die Blübaum schon zu Beginn alles abverlangte und ihn dadurch viel Zeit kostete. Kramnnik zeigte seine ganze Klasse. Er opferte eine Qualität und besaß viele aktive Figuren, von denen ein toller Läufer auf e5 herausstach. "Ich dachte, dass ich im Mittelspiel besser stehe mit Chancen am Königsflügel", meinte Kramnik, auch wenn der Computer mal wieder sein berühmtes 0.00 anzeigte.

Der deutsche Großmeister stand enorm unter Druck und hätte vielleicht sogar in Vorteil kommen können, doch dafür hätte er fast unmenschlich viel sehen müssen. Kramniks Spiel kulminierte in ein zweites Qualitätsopfer, wonach er über den schwarzen König herfiel. Blübaum besaß in horrender Zeitnot eine Chance die Partie zu retten, doch stattdessen suchte er ein nicht vorhandenes Dauerschach. Als er seinen Fauxpas entdeckte, gab er auf ohne das Matt abzuwarten.

"Das war heute die erste Partie, in der ich in die Vorbereitung reingelaufen bin in Dortmund und dadurch war es praktisch sehr schwierig zu spielen. Insgesamt bin ich halbwegs zufrieden, da es deutlich besser als bei der GRENKE Chess Classic lief", fasst Blübaum die letzte Partie und sein Abschneiden zusammen. Kramnik dagegen wies darauf hin, dass es das vierte Turnier hintereinander war, bei dem er die letzte Partie gewann. Das spricht für eine intakte Moral beim Supergroßmeister.

Wie Kramnik feierte auch Maxime Vachier-Lagrave mit seinem einzigen Sieg bei der diesjährigen Veranstaltung ein versöhnliches Ende. Der französische Großmeister profitierte allerdings von der kämpferischen Einstellung seines Gegners. In einer Sizilianischen Partie, in der Dmitry Andreikin mit 2.b3 schon sehr früh die theoretischen Gefilde verließ, schaffte es der russische Großmeister ausgangs der Eröffnung einen Bauern zu erobern. Im Mittelspiel hätte er das Remis forcieren können, doch er gab lieber eine Qualität, um auf Sieg zu spielen. "Ich wollte kein Remis machen, da ich keinen Unterschied sehe zwischen Niederlage und halben Punkt", erläuterte Andreikin sein löbliches Vorgehen.

Nach dem Qualitätsopfer erwies sich die Stellung für Andreikin, obwohl er mit Läufer und zwei Bauern adäquate Kompensation besaß, als praktisch schwierig, da sein König am Damenflügel geschwächt war. Einen unbedachten Bauernvorstoß seines Gegners am Königsflügel nutzte Vachier-Lagrave aus. Er gewann einen Bauern, tauschte die Damen und ging in ein gewonnenes Endspiel über.

Andreikin versuchte mit zwei verbundenen Freibauern im Zentrum gegenzuhalten, doch der schwarze h-Bauer war deutlich schneller. "Die erste Hälte des Turniers verlief enttäuschend. Ich bekam keine guten Stellungen, insbesondere mit Weiß. Die zweite Hälfte und das Ende waren in Ordnung, auch wenn ich eine große Chance gegen Fedoseev liegen ließ", fasste Vachier-Lagrave sein Turnier zusammen.

Dmitry Andreikin hatte nicht sein Lachen verloren und zeigte sich als sehr fairer Verlierer. Über sein Turnier äußerte er sich folgendermaßen: "Ich hatte viele neue Ideen und verpasste gute Chancen gegen Blübaum und Wojtaszek. Insgesamt war es kein gutes aber sehr interessantes Turnier für mich."

Radoslaw Wojtaszek sicherte sich den Gewinn des Sparkassen Chess-Meetings durch einen Sieg gegen Liviu-Dieter Nisipeanu. In einer Nimzowitsch-Indischen Partie zeigte sich der polnische Großmeister abermals sehr gut vorbereitet und kam mit etwas Vorteil aus der Eröffnung. Im 17. Zug setzte er durch den Vorstoß des f-Bauern zum Angriff auf den schwarzen König an. "Es half, dass Wang Yue gegen Fedoseev auf Verlust stand. Ich musste Risiko gehen, bzw. ich wusste, dass ich gewinnen muss", begründete er sein Vorgehen. 

Wojtaszek warf alle Figuren auf den Königsflügel und schlug durch ein Bauernopfer eine wichtige Bresche ins schwarze Lager. "Ich hätte das nicht zulassen dürfen, aber ich übersah den Damenschwenk über e1 zum Königsflügel", ärgerte sich Nisipeanu über sein Spiel. In der Tat lief der Angriff fortan wie am Schnürchen. Wojtaszek gab zwei Türme für die Dame, doch seine Dame war in Verbund mit zwei Läufern so stark, dass Nisipeanu keine Chance mehr hatte die Stellung zu verteidigen.

"Da ist der größte Erfolg meiner Karriere, aber ich bin zufrieden und glücklich, weil auch mein Spiel sehr gut war in Dortmund. Nur gegen Andreikin hatte ich Probleme. Heute Nacht habe ich nur vier Stunden geschlafen, so nervös war ich vor der letzten Runde", äußerte sich der glückliche Turniersieger nach der Partie.

Tabelle 45. Sparkassen Chess-Meeting

Place Title Name Fed. FIDE Total Black Wins S.B.
1 GM Wojtaszek, Radoslaw POL 2736 4.5 4.00 2 14.75
2 GM Fedoseev, Vladimir RUS 2726 4.0 4.00 2 13.75
3 GM Vachier-Lagrave, Maxime FRA 2791 4.0 3.00 1 13.50
4 GM Kramnik, Vladimir RUS 2812 3.5 3.00 1 11.75
5 GM Bluebaum, Matthias GER 2642 3.0 4.00 1 11.25
6 GM Andreikin, Dmitry RUS 2712 3.0 4.00 0 10.50
7 GM Wang, Yue CHN 2699 3.0 3.00 1 9.75
8 GM Nisipeanu, Liviu-Dieter GER 2683 3.0 3.00 0 10.25


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