Dortmund-Teilnehmer um Kramnik positionieren sich – und fürchten nicht die Fußball-Konkurrenz

Von Hartmut Metz

„Frankreich wird zu 70 Prozent Weltmeister!“ Das Verdikt stammt von einem, der sich als ehemaliger Weltmeister auskennen sollte: Wladimir Kramnik. Der Schach-Champion aus Russland, der seit langem mit seiner Familie in Paris lebt, zeigte sich vor dem ersten Zug beim Sparkassen Chess-Meeting überzeugt, dass die Equipe Tricolore zum zweiten Mal am Sonntag den WM-Titel erobert. „Auch wenn mir das kroatische Team sympathisch ist!“
Dem Satz schlossen sich nicht alle seine Großmeister-Kollegen an und grinsten dazu – dass die Fußballer aus Gallien indes Weltmeister am Sonntag werden, das tippten auch Anish Giri, Jan-Krzysztof Duda, Vladislav Kovalev, Liviu-Dieter Nisipeanu und Radoslaw Wojtaszek. Der Russe Ian Nepomniachtchi war mit seiner Mannschaft und der Ausrichtung in seiner Heimat zufrieden und unterstrich die Ausführungen seiner Landsleute Kramnik und Kovalev: „Frankreich ist klar besser!“ Wojtaszek gab wenigstens zu bedenken, dass „es aber nur ein einziges Spiel ist, in dem alles passieren kann“. Allein der deutsche Nationalspieler Georg Meier setzt zusammen mit Turnierveranstalter Gerd Kolbe auf Kroatien. „Vielleicht gewinnt Frankreich, auch wenn ich das Team wie Kroatien nicht leiden kann. Ich habe beide nicht im Finale erwartet“, grummelte der zweite deutsche Großmeister im Achterfeld, Nisipeanu.
Immerhin hat das Aus der DFB-Elf durchaus Vorteile – für das Schach-Meeting in der Fußballstadt Dortmund: „Wir sind jetzt mutig genug, um sagen zu können, dass wir auch gegen die Fußball-WM bestehen“, unterstrich Kolbe, um nachzuschieben, „wenn Deutschland im Finale wäre, dann hätte ich das nicht so mutig gesagt!“ So fürchtet er weniger die Konkurrenz, wenn am Sonntag um 15 Uhr die zweite Runde im Orchesterzentrum NRW „angepfiffen“ wird und die Denkstrategen noch nicht einmal in die Verlängerung gehen, während Frankreich und Kroatien ab 17 Uhr im fernen Moskau aufeinander prallen.
Ist bei den Kickern die Favoritenrolle zugunsten des Weltmeisters von 1998 klar verteilt, scheint die Ausgangslage an den vier Brettern offen. Selbst Kramnik klingt nicht allzu zuversichtlich bezüglich seines elften Erfolgs. Weil der Russe unter den Fans immer noch als Dortmunder Seriensieger gilt, tauchte bei der Auftakt-Pressekonferenz die Frage auf, wer denn diesmal Zweiter werde? „Ich würde schon gerne gewinnen und schließe auch nicht aus, dass ich gewinne“, gestand der 43-Jährige, gab aber sogleich zu bedenken, „ich spielte seit Jahren hier nicht mehr gut und habe schon eine Weile den Sieg verpasst.“ Um genau zu sein: sechsmal in Folge. Seit 2012 nahm Fabiano Caruana dreimal den Platz an der Sonne ein, im Vorjahr triumphierte Wojtaszek. „Ich habe noch nie jemand sich so freuen sehen über den Turniersieg wie ihn“, erinnerte sich Kommentator Klaus Bischoff bei der Vorstellung der Spieler an 2017. Jedenfalls hält Kramnik auch heuer „alles für möglich, weil es mit sieben Runden ein kurzes Turnier ist“. Als Nummer fünf und sechs der Weltrangliste gelten er und der Niederländer Giri als Favoriten.
Neben Titelverteidiger Wojtaszek könnte jedoch ebenso der Top-Junior Duda ein Wörtchen mitreden – oder Nepomniachtchi. Das Ass mit dem Zungenbrecher-Namen steht mittlerweile auf Platz 15 der Weltrangliste und reiste mit der Empfehlung eines weiteren Schnellschach-Turniersiegs in Israel an. Beim Auftakt wird er am Samstag 28 Jahre alt. „Ich will gutes Schach zeigen. Geschenke erwarte ich keine und habe auch keine Wünsche“, stellte das Geburtstagskind fest, zumal er diese vor allem gleich in einem der wichtigsten Duelle des Turniers gegen Giri kaum erwarten darf. Keinerlei Erwartungen hat auch Kovalev. „Ich habe noch nie ein so starkes Turnier gespielt“, gestand der der 24-jährige Aeroflot-Open-Sieger und „ist einfach froh, dabei zu sein“.

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Die Teilnehmer und Organisatoren des Turniers sowie Vertreter der Sparkasse Dortmund und des Hotels Drees.

Ähnlich sieht es bei den nationalen Vertretern aus: „Ich bin zum vierten Mal in Dortmund. Beim ersten Mal war es gut, danach wurde es immer schlechter“, bemerkte Nisipeanu grinsend und setzte sich ein hehres Ziel: „Ich will wieder normal spielen nach meiner hiesigen Serie von 13 Remis in 14 Partien!“ Auf den „ein oder anderen Sieg“ hofft ebenso Meier. Der 30-Jährige hat sein Volkswirtschaftslehre-Studium in Stockholm beendet und kann sich deswegen heuer unbelastet auf das 46. Sparkassen Chess-Meeting konzentrieren. Schon in den Vorjahren beziehungsweise beim Grenke-Turnier in Baden-Baden, bei dessen Grenkebank Meier im Herbst zu arbeiten anfängt, hatte der Trierer häufiger die Großen am Wickel – ließ sie aber meist entkommen. Mit einer Wiederholung eines Siegs über Kramnik und über seine besten Kunden, dem zweiten Deutschen im Feld und dem Aeroflot-Open-Sieger, wäre Meier auch weit vorne dabei.
Der Gewinner von Dortmund erhält 2018 eine zusätzliche Trophäe: den „Viktor“. Der ehemalige DSB-Geschäftsführer Horst Metzing überbrachte von der Lasker-Gesellschaft einen „Viktor“. Anlässlich des 150. Geburtstags des Rekordweltmeisters Emanuel Lasker werden im Jubiläumsjahr acht „Viktor“, die nach dem Ehrenmitglied Viktor Kortschnoi benannt sind, vergeben. Drei sind folglich noch zu haben, darunter einer für künstlerische Arbeiten zum Thema Schach. 32 Gartenschachfiguren werden während des Turniers im Orchesterzentrum ausgestellt. Veranstaltungsleiter Kolbe forderte bei der Gala am Freitagabend alle 32 Künstler aus Dortmund, Herdecke und Bochum auf, „sich dafür zu bewerben. Wir werden abräumen bei der Lasker-Gesellschaft, abräumen, Horst!“, kündigte Kolbe Metzing an.

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Gerd Kolbe (links), Sparkassen-Chef Uwe Samuelewicz (rechts)  und Horst Metzing freuen sich über den „Viktor“ der Lasker-Gesellschaft

DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky hätte sicher nichts dagegen, pries er doch das Sparkassen Chess-Meeting als „Leuchtturm-Projekt“ unter all den Engagements der Sparkassen bundesweit. „Sie sind wohl der größte Schach-Sponsor in Deutschland“, bedankte sich der Funktionär stellvertretend beim Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Dortmund, Uwe Samuelewicz. Dessen Geldinstitut ist zum 35. Mal Hauptsponsor und seit 1995 auch durchgehend Titelsponsor. Die Sparkasse bekam daher auch 2018 den Salomon-Elkan-Preis für besondere Verdienste um den Schachsport in Dortmund verliehen.
Die Fußballer der Borussia steckten zwar schon in der Vorbereitung auf die neue Bundesliga-Saison – dafür schmückten zwei andere Sport-Legenden der Stadt die Auftakt-Gala: Annegret Richter (Foto unten: Zweite von rechts) und Ursula Happe (Foto unten: Zweite von links). Letztere gewann 1956 in Melbourne die erste deutsche Olympia-Goldmedaille nach dem Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Sportlerin der Jahre 1954 und 1956 siegte über 200 Meter Brust. Schwimmerin Happe hat mittlerweile 91 Jahre auf dem Buckel, sieht aber immer noch rüstig aus. Gleiches gilt für die weiterhin drahtige Richter: Die gebürtige Dortmunderin gewann 1972 mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel in München Gold und krönte sich 1976 in Montreal endgültig zur Sprinter-Königin. Im Halbfinale stellte die elegante Läuferin damals einen Weltrekord in 11,01 Sekunden auf und gewann auch das Finale vor DDR-Kraftpaket Ingrid Stecher. In Montreal holte die heute 67-Jährige überdies noch zweimal Silber über 200 Meter und mit der Staffel.

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