Die 6. Runde des Sparkassen Chess-Meetings war an Dramatik kaum zu überbieten. Jan-Krzysztof Duda spielte gegen Ian Nepomniachtchi groß auf und sah schon wie der sichere Sieger aus, verpatzte aber seine Gewinnstellung zum Remis. So endete auch die Partie zwischen Radoslaw Wojtaszek gegen Vladislav Kovalev, in der der polnische Großmeister leichte Stellungsvorteile besaß. Im deutschen Duell zwischen Georg Meier und Liviu-Dieter Nisipeanu bestätigte sich der Trend in diesem Turnier. Meier war von Beginn an am Drücker und holte sich seinen ersten vollen Zähler. Den Sieg trug auch Anish Giri davon, der Wladimir Kramnik sogar mit Schwarz schlug. Vor der letzten Runde führt Ian Nepomniachtchi mit einem halben Punkt Vorsprung die Tabelle an, es kommen aber noch sage und schreibe fünf Spieler in Frage um den Sieg beim 46. Sparkassen Chess-Meeting.

Radoslaw Wojtaszek zeigte sich nach seinem Remis gegen Vladislav Kovalev enttäuscht über die Punkteteilung. In einer Katalanischen Partie schaffte es der weißrussische Großmeister mal wieder in diesem Turnier seinen Gegner zu überraschen, indem er mit Schwarz eine seltene Variante wählte und eine eigene Idee präsentierte. Trotzdem gelang es dem Vorjahressieger aus Polen die Eröffnung mit einem leichten Vorteil zu beschließen. Er spielte gegen den isolierten Bauern auf d5 und blockierte lehrbuchmäßig das Feld d4 mit einer Leichtfigur.

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Kovalev sieht, wie Wojtaszek einen Zug ausführt

Kovalev versuchte sich durch den Tausch der Damen und mehrerer Figuren in ein Endspiel zu retten, doch auch hier besaß Wojtaszek durch die Kontrolle der offenen c-Linie und durch die stabilere Bauernstruktur immer noch die besseren Karten. Im 30. Zug hätte er durch einen feinen Läuferzug nach f3 verhindern können, dass Kovalevs Verteidigungsmanöver mit dem Springer nach d7 funktioniert. "Das habe ich leider übersehen", zeigte sich Wojtaszek verärgert nach der Partie, als er darauf hingewiesen wurde. Stattdessen ließ er den Tausch weiterer Figuren und den Übergang in ein total ausgeglichenes Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern zu, das die Kontrahenten sofort remis gaben.

Jan-Krzysztof Duda ließ gegen Ian Nepomniachtchi eine Riesenchance zum Gewinn aus. In einer Sizilianischen Partie mit 3.Lb5, der sogenannten Rossolimo-Variante, entstand ein typisches MIttelspiel, in dem Nepomniachtchi mit Schwarz das Läuferpaar besaß, Duda es aber schaffte das schwache Feld d5 zu kontrollieren und darüber hinaus den Damenflügel zu erobern. Der polnische Shootingstar vergrößerte seinen Vorteil, indem er immer mehr Raum eroberte und dadurch das gesamte Brett beherrschte, während Nepomniachtchi im Prinzip nur hinten drin stand und die Figuren hin und her zog.

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Mit Glück und Geschick erkämpfte sich Nepomniachtchi ein Remis gegen Duda

Nach der Zeitkontrolle hätte Duda mit dem Vorstoß 45.g5 dem schwarzen König zu Leibe rücken können. Stattdessen gewann er lieber einen Bauern und ging ins Endspiel über. Auch hier besaß er klaren Vorteil, doch mit gleich zwei unachtsamen Zügen verspielte er seine Gewinnstellung. Im 51. Zug hätte er wieder mit dem Vorstoß des g-Bauern den schwarzen König offenlegen können, doch stattdessen deckte er mit seinem König einen Bauern und erlaubte seinem Gegner einen taktischen Schlag. Nepomniachtchti zögerte nicht lange und opferte vorübergehend seinen Läufer, erhielt die Figur aber postwendend zurück. Duda zog die Notbremse und wickelte in ein total ausgeglichenes Damenendspiel ab.

Georg Meier zeigte sich gegen Liviu-Dieter Nisipeanu hervorragend präpariert. In einer weiteren Katalanischen Partie spulte er mit Weiß bis zum 15. Zug seine häusliche Analyse ab, während Nisipeanu schon längst auf eigene Faust agieren musste. "Ich wollte nicht schon wieder wie gegen Kovalev zu einfach ein Remis abgeben und deswegen hatte ich mir in den letzten Tagen die Hauptvariante nochmal genauer angeschaut", erläuterte Meier im Anschluss seine Strategie. In einer taktisch verwickelten Stellung, die für das menschliche Auge besser für Weiß aussah, sah der Computer noch verrückte Verteidigungsideen für Schwarz, doch das war am Brett einfach zu schwierig zu berechnen.

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Nisipeanu und Meier konzentrieren sich vor der Partie

Meier schaffte es ein Endspiel mit zwei Leichtfiguren gegen einen Turm zu erzwingen und da die schwarze Bauernstruktur am Damenflügel geschwächt war, sahen beide Akteure keine Rettung mehr für Schwarz. "Da war nichts mehr zu machen für mich", meinte Nisipeanu. Mit diesem Sieg besitzt Meier sogar die Chance in der letzten Runde um den Turniersieg zu kämpfen. Allerdings trifft er mit Schwarz auf den Führenden Ian Nepomniachtchi und muss gewinnen.

Anish Giri gehört nach seinem Sieg gegen Wladimir Kramnik zu den Kandidaten, die sich vor der letzten Runde Hoffnungen auf den Gewinn des Sparkassen Chess-Meetings ausrechnen können. Kramnik eröffnete mit dem ehrwürdigen Colle-Aufbau, Giri fand aber einige interessante Springerzüge, um die Partie auszugleichen. Im Mittelspiel musste Kramnik mit sogenannten hängenden Bauern auskommen, die in diesem Fall eher eine Bürde darstellten. Mit gezielten Abtauschmanövern schien das Spiel zu verflachen, doch Kramnik wich einer Zugwiederholung aus. Giri eroberte einen Bauern und der russische Rekordsieger von Dortmund fand keinen Weg, um Kompensation nachzuweisen. Stattdessen wehrte Giri alle Drohungen ab und gewann dank seiner verbundenen Freibauern am Damenflügel letztendlich ohne Probleme.


Johannes Riepe, Juniorchef vom Spielerhotel Ringhotel Drees, eröffnete die 6. Runde

Die siebte und letzte Runde findet am Sonntag den 22. Juli statt. Die Partien starten im Orchesterzentrum NRW um 13 Uhr und lauten wie folgt:

Anish Giri - Jan-Krzysztof Duda
Ian Nepomniachtchi - Georg Meier
Liviu-Dieter Nisipeanu - Radoslaw Wojtaszek
Vladislav Kovalev - Wladimir Kramnik

Es gibt einige Konstellationen, die vor der letzten Runde zu beachten sind. Die Tabelle finden sie unter diesem Link und auch die Regeln, die bei Punktgleichheit zur Anwendung kommen. Gleich fünf Spieler kommen noch in Frage um den Turniersieg. Gewinnt Nepomniachtchi gegen Meier, gewinnt er natürlich das Turnier, weil er mit 5,0 Punkten nicht mehr einzuholen wäre. Bei einem Remis zwischen diesen beiden, wird es kompliziert. Giri hätte dann wohl die besten Chancen, da er mit einem Sieg mit Weiß gegen Duda Nepomniachtchi wegen der mehr gespielten Partien mit Schwarz überholen würde und im Prinzip dann nur hoffen müsste, dass Kovalev nicht mit Weiß gegen Kramnik gewinnt. Kovalev hat auch Chancen auf den Turniersieg. Er muss allerdings Kramnik schlagen und mindestens hoffen, dass Nepomniachtchi seine Partie gegen Meier nicht gewinnt. Duda hat Außenseiterchancen um den Turniersieg. Er muss mit Schwarz Giri schlagen und hoffen, dass Nepomniachtchi gegen Meier remis spielt! Dann hätten beide 4,5 Punkte und vier Weißpartien, aber Duda hätte eine Gewinnpartie mehr erzielt. Außerdem muss Duda hoffen, dass Kovalev nicht gegen Kramnik gewinnt. Für diese Angaben übernimmt der Autor aber keine Gewähr!

Text und Fotos: Georgios Souleidis

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